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VERLOSUNG

Nun ist schon einige Zeit vergangen, aber die Blogger-Muse ist noch auf Reisen. Sie tankt irgendwo da draußen Sonne und Energie. Allerdings habe ich gehört, dass sie langsam aber sicher das Heimweh plagt. Es kann also nicht mehr lange dauern, bis sie zurückkehrt und mich inspiriert.

Zwischenzeitlich starte ich eine Verlosung. Dann wird die Zeit nicht so lang.

Wer also  Interesse hat ein Exemplar meines Buches Das Leben ist ein Regenbogen zu gewinnen, der schaut einfach mal =>hier vorbei …

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Eine Weihnachtsgeschichte

Der Weihnachtsjunkie

Um zu wissen, dass die Adventszeit näher rückte, brauchte ich keinen Kalender, keine Sternkonstella­tion, keine Medien. Ich hatte Micha. Wenn ich an Micha denke, überkommt mich normalerweise eine tiefe Trau­rigkeit. Ich vermisse ihn. Immer noch. Doch wenn ich Micha mit Weihnachten in Verbin­dung bringe, bin ich einfach nur erleichtert.

Micha gehörte zu den Menschen, die man im Allge­mei­nen als Weihnachtsjunkies bezeichnet. Anfang Novem­ber wurde er zunehmend nervös. Fahrig strich er sich durch sein ohnehin schon struppiges Haar, wenn er un­ruhig auf seinem Stuhl, seinem Sofa, seinem Sessel um­herrutschte. Eine vorweih­nachtliche Besinnlichkeit wurde von ihm auf seine ganz eigene Art und Weise interpre­tiert. Die jährli­che Stromabrechnung, die uns in der Regel eine saf­tige Nachzahlung bescherte, war für ihn der nicht für jedermanns Ohren bestimmte Startschuss. Der Start­schuss in den Wettbewerb der Lichter zu treten.

Fünf Jahre ist es nun her und immer noch ist die Ad­vents- und Weihnachtszeit für mich eine Zeit des Schreckens. Michas nervöse Phase hielt bereits seit zwei Wochen an. Täglich stieg er in den Keller, sor­tierte die säuberlich gepackten und beschrifteten Kartons mit den verschiedensten Weihnachtsdekorationen. Akkurat wur­den Pläne erstellt, Lichterket­ten kontrolliert, defekte Lämpchen ausgetauscht, wiederum in Listen festgehalten. Die im Sommer neu erstandenen Dekorationsartikel, die in der Ga­rage zwischengelagert wurden, mussten nun in die Pläne integriert werden. Jede freie Minute verbrachte er mit dieser Aufgabe. Ich werde nie seine leuchten­den Augen und freudig erregt geröteten Wangen vergessen. Denn genau das war es, was mich ihm sein verhängnis­volles Hobby Jahr für Jahr verzeihen ließ.

Traditionell am Sonnabend vor dem ersten Advent wurde die Leiter am Haus platziert, der Gartentisch her­angerückt und die Pläne mit Steinen beschwert darauf ausgebreitet. Dann konnte es losgehen. Von oben nach unten. Auf dem Dachfirst prangte bald schon der lebens­große Rudolph aus geschmiedeten Eisen mit einer über­dimensional roten Glühbirnen-Nase, dem ein Geschirr aus Ketten angelegt wurde, damit der Schlitten mit dem darin sitzenden detail­getreuen Weihnachtsmann daran befestigt werden konnte. Micha hatte mir einmal voller Stolz erklärt, dass bei diesem Rentierschlitten samt Weihnachts­mann exakt 1678 kleine Lämpchen zum Einsatz kä­men. Warum ich mir gerade diese Zahl ge­merkt habe, kann ich nicht sagen. Doch der Clou war Ru­dolphs Nase. Die nämlich war an einen Lautspre­cher gekoppelt und jedes Mal, wenn sie rot auf­leuchtete, ertönte ein lautes und kraftvolles „HOHOHO“, dessen Klang durch die ganze Straße fegte. Micha war keines­wegs ein technisch begabter Mensch gewesen und ich frage mich heute noch, wie er diese Konstruktion zu­stande brachte. Ich kann mich lediglich daran erinnern, dass er über Wochen an dieser Idee tüftelte.

Auf der Regenrinne wurden Sternenlichter befestigt, die Fenster mit Lichterketten umrandet und auf je­der Fensterbank Schwibbögen arrangiert. Danach widmete sich Micha dem Garten.

Hier tummelten sich nach einigen Stunden Weih­nachtsel­fen, Rentiere, Schneemänner, die Tannen wurden zu Christbäumen – mit Kugeln und Lametta für den Außenbereich – und die Hecke erstrahlte im Lichtermeer. Der Weg bis zur Haustür wurde kon­trastreich mit roten Sternchen beleuchtet, um am Ende des Weges auf die äußerst hässliche Mutter der Kleinen – einen riesigen abwechselnd rot, blau und grün leuchtenden Stern – zu stoßen, der sich trotzig an der Haustür festklammerte.

Micha war fast zufrieden. Jetzt fehlten nur noch ein paar Kleinigkeiten, wie Mistelzweige und Schnee. Mistelzweige hatte er bereits kartonweise auf dem Wochenmarkt be­sorgt und für den fehlenden Schnee hatte er ein Jahr zu­vor eine Schneemaschine bei eBay ersteigert. Doch bevor er sich an die Rest­arbeiten machte, musste ein Probe­leuchten und – nicht zu vergessen – auch ein Probe-HOHOHO des auf dem Dach befindlichen Rudolph durchgeführt werden. Der große Moment stand bevor. Micha führte den Stecker an die Steckdose, zögerte einen kleinen Moment und dann erstrahlte unser Haus, Ru­dolph ließ sein HOHOHO erklingen und die Weih­nachtselfen im Garten winkten freundlich dazu.

Michas Augen glänzten vor Glück und er konnte nicht mehr aufhören zu grinsen.

„Ist es nicht toll?“ rief er begeistert. Eine Antwort er­wartete er nicht wirklich. Beseelt machte er sich an die Restarbeiten, die – wie ich aus Erfahrung wusste – noch bis spät in die Nacht andauern würden. Ich kümmerte mich nicht weiter darum. Sollte er doch seinen Spaß ha­ben. Ich wollte nur ins Bett.

Geraume Zeit später – ich hatte mich bereits ins Schlaf­zimmer zurückgezogen und es mir dort mit einem span­nenden Buch gemütlich gemacht – hörte ich noch einmal Rudolphs HOHOHO, danach ein dumpfes Plopp, ein Knacken und ein Ächzen und dann war Stille. Jetzt wird er gleich fertig sein, dachte ich mir, kuschelte mich in meine Decke, löschte das Licht und schlief alsbald ein.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war Michas Bett neben mir unberührt. Doch wirklich beunruhigt war ich nicht … Schließlich hatte ich den ewigen Lichtermarathon bereits seit einigen Jahren mitge­macht, so dass ich wusste, dass kleine Lampen in Weihnachtsbeleuchtungen gerne schnell das Zeitli­che segneten und natürlich sofort ausgetauscht wer­den mussten. Vielleicht hatte die Schneemaschine auch nicht genügend Schnee produziert oder aber Rudolphs Nase leuchtete nicht im Einklang mit dem HOHOHO des Weihnachtsmanns. Für Micha gab es viele Gründe, die Nacht lieber mit seiner Dekora­tion als mit seiner Frau zu verbringen. Schließlich musste ge­rade am ersten Advent alles perfekt sein.

Ich schlurfte in die Küche, kochte Kaffee und deckte den Frühstückstisch. Nachdem ich schließ­lich geduscht und angezogen war, machte ich mich auf die Suche nach Mi­cha. Als ich die Haustür öff­nete, stand ich vor einem riesigen Kunstschneeberg, auf dem gekonnt die Weih­nachtselfen Schlitten fuh­ren. Die schmiedeeisernen Rentiere gruben ihre Na­sen in den Kunstschnee, gerade so, als ob sie ver­bergen wollten, dass sie nicht Rudolph waren und keine leuchtendroten Nasen hatten. Doch wo war Micha?

Vorsichtig trat ich aus der Haustür und lugte um die Ecke. Dann sah ich ihn. Der Schreck fuhr mir durch alle Glieder. Anscheinend war doch irgendein Kabel, ein Ge­rät, ein elektrisches Deko-Teil defekt gewesen. Mir wurde flau als ich mich an dieses Plopp, dieses Knacken und Ächzen am Abend zuvor erinnerte. Micha lag merkwür­dig verdreht über der Leiter. Seine rechte Hand um­klammerte eine Lichterkette im Tannenbaum, die linke umfasste das Kabel der Schneemaschine.

Es war zu spät für den Notarzt. Zu spät für Micha. Aber zumindest hatte das Probeleuchten funktio­niert.

aus: Iris Boden – Das Leben ist ein Regenbogen – Kurzgeschichten

Der Fahrscheinautomat

Wie lange ich bereits hier stehe, dass weiß ich nicht. Fahrscheinautomaten haben kein Zeitgefühl. Aus diesem Grund muss die Uhrzeit, die auf die Fahrscheine gedruckt wird, immer wieder korrigiert werden. Uhrzeiten sind mir egal. Stehe ich doch zu jeder Tages- und Nachtzeit auf diesem gottverlassenen Bahnsteig. Viele Züge fahren hier nicht. Eine S-Bahnlinie und ein Regionalzug. Ansonsten irgendwelche Güterzüge, die eh nicht hier halten.

Menschen, die hier regelmäßig in eine S-Bahn oder in einen Zug steigen, beachten mich nicht. Ziemlich unhöflich, wie ich finde. Gerade sie sehen mich doch jeden Tag. Obwohl … sehen sie mich wirklich? Nun ja, ist ja auch egal. Diejenigen, die mich mit Geld füttern, erhalten von mir einen entsprechenden Fahrschein. Doch meistens stellen sich diese Leute ziemlich unbeholfen an. Dabei sage ich ihnen doch Schritt für Schritt, was sie tun müssen. Aber nein – sie drücken wild und ungeduldig an mir herum. Manche reden auch mit mir. Allerdings könnten sie das auch sein lassen. Ich werde doch meistens nur wüst beschimpft.

Vor den Nächten fürchte ich mich am meisten. Es ist schon mehr als einmal vorgekommen, dass man mir Böses wollte. Mit Brechstangen und sonstigen gefährlichen Werkzeugen ist man mir zu Leibe gerückt. Aufgeschlitzt haben sie mich, in meinen Eingeweiden herumgewühlt, um das Geld in meinem Innern zu stehlen. Oft blieben meine Verletzungen tagelang unbemerkt, bis dieser freundliche Mensch kam, um mich zu reparieren.
Da bin ich wahrlich kein Held. Sobald es dunkel wird, schließe ich meine Augen und hoffe auf eine ruhige Nacht.

Einmal musste ich einen Überfall erleben. Ich wollte Hilfe holen. Doch da wurde mir bewusst, dass ich mich nicht bewegen konnte. Regungslos stand ich da und konnte mich keinen Millimeter rühren. Hilflos musste ich mit ansehen, wie dieser junge Mensch von seinen Angreifern niedergeschlagen und ausgeraubt wurde. Nur gut, dass sie ihm nicht auch den Bauch aufgehebelt haben. Denn eines habe ich gelernt: Bei Menschen ist so eine Reparatur weitaus schwieriger als bei einem Fahrscheinautomaten.

Neulich hat ein Mensch die ganze Nacht zu meinen Füßen gelegen und seltsame Geräusche gemacht. Das war mir ein wenig unangenehm, aber irgendwie habe ich mich sicherer gefühlt. Nicht so allein. Und insgeheim hatte ich gehofft, dass er in der folgenden Nacht wiederkommen würde. Tat er aber nicht. Schade.

Nein, ich führe kein besonders schönes Leben, auch wenn das manch einer denkt. Ich beneide die Fahrscheinautomaten auf den großen Bahnhöfen. Die sind wenigstens nicht so alleine.

Aber ich bin in die Jahre gekommen. Es gibt bereits leistungsstärkere Automaten als mich. So kann ich darauf hoffen, dass ich bald abgelöst werde. Das wäre wirklich schön …

Gedanken über die Gedanken

Da mache ich mir nun Gedanken über meine Gedanken. An meinem Schreibtisch sitze ich, umhüllt von einer Gedankenwolke, die zäh um mich herumwabert. Mannomannomann! Welche Gedanken sind es wert, aufgeschrieben zu werden? Und in welcher Form? Als Geschichte? Als Tagebucheintrag? Welche gehören zusammen und welche haben nichts miteinander zu tun?

Die Liste mit den Ausschreibungsterminen der Literaturwettbewerbe grinst mich herausfordernd an. Ja, ja – lach‘ du nur. Zeigen werde ich es dir. Jawohl!

Dankbar sollst du sein, Von Glatzen und Ohren, Edgars zweite große Liebe … drei Titel, drei Geschichten, die überarbeitet werden wollen. Also, los geht’s.

Ein wenig lasse ich noch meine Gedanken fließen, während Kater Tristan schnurrend auf meinem Schoß sitzt und in meinen Füller beißen will. Doch dann … dann fließen sie direkt aufs Papier. Die Gedanken. Schreibtischgedanken …

Der Mann mit dem Gold

Dank Kortison ist der Zeiger meiner Waage um ein nicht unbeträchtliches Stück weiter gerückt. Bedauerlicherweise in die falsche Richtung. Dem muss ein Ende gesetzt werden. Sofort!
Süßigkeiten werden verbannt und die Kühlschrankkarte gut sichtbar mit einem Magneten an der Kühlschranktür (wo auch sonst …) befestigt.
Wie ein Mantra lese ich nun jedes Mal murmelnd vor der Öffnung der selbigen:

Nein, ich habe keinen Hunger, auch keinen Appetit und langweilig ist mir auch nicht!

Obst und Gemüse wird eingekauft und gegen Pudding und Sahnequark ersetzt. Sehr zum Bedauern der übrigen Mitglieder meiner kleinen Familie. Harte Zeiten würden anbrechen. Nerven wie Drahteile bräuchte man in der nächsten Zukunft. Die Goldwaage müsse hervorgeholt werden, da man in der nächsten Zeit jedes Wort darauf legen müsse.

Alles Quatsch, wehre ich mich entschieden. Ein bisschen gesunde Ernährung kann euch auch nicht schaden!

„Siehste, es fängt schon an“, raunt er dem Kater verschwörerisch zu.

„Wieso, es hat doch noch gar nicht richtig angefangen?“ konsterniere ich.

Kater Tristan macht sich lieber aus dem Staub und mein Herzallerliebster steht hilflos und beharrlich schweigend vor mir. Na prima! Aber wie soll auch jemand, der ohne ein Gramm zuzunehmen, essen kann, was er will, Verständnis für meine Situation haben? Jemand, der gut und gerne ein paar Kilo mehr vertragen könnte?

„Frauen sollten einen dickeren Hintern als ihre Männer haben“, höre ich ihn sagen.

„Wieso das denn?“

„Das Gesetz der Natur.“ Ich merke, wie es in mir beginnt zu brodeln.

„Und außerdem“, doziert er weiter, „passen dir dann meine Jeans nicht mehr.“

„Und?“ Der bedrohliche Unterton in meiner Stimme ist mir selbst fremd.

„Und dann ziehst du nicht mehr meine Klamotten an.“

Das war zu viel: „Ich werde dir beweisen, dass mir deine Hosen noch passen.“ Mit diesen Worten schnappe ich mir seine Jeans, zwänge mich hinein und … NEIN! Gute drei Zentimeter (es könnten auch fünf sein …) trennen Knopf und Knopfloch. Ein triumphierendes Grinsen zeichnet sich auf seinem Gesicht ab.

„Du wirst schon sehen“, rufe ich empört aus, marschiere hoch erhobenen Hauptes ins Badezimmer und schließe die Tür. In dieser engen Hose kann ich mich nicht mal aufs Klo setzen, um zu schmollen. Also zerre ich wütend an diesem Denim-Panzer herum, bis ich mich schließlich daraus befreit habe.

„Du wirst schon sehen“, murmele ich vor mich hin und eine Zornesträne rollt mir über die linke Wange. Was gäbe ich jetzt für einen Riegel Schokolade …

Es klopft an der Tür. Zaghaft und doch fordernd. „Ach, komm‘ schon. Du bist gut so, wie du bist.“

„Lass‘ mich …“, schmolle ich weiter.

„Denk‘ doch an den Mann mit dem Gold.“

Was soll das denn schon wieder? Ich antworte nicht.

„Wenn dieser Mann in die Stadt kommt und jeder seine Frau in Gold aufwiegen lassen kann – dann haben wir ausgesorgt.“

Das reicht! So nicht, mein Lieber! So nicht! Ich werde es dir beweisen!

Charlotte

Einer der spärlichen Sonnentage trieb mich in mein Lieblingscafé. Die Stühle draußen wurden zusätzlich mit Decken versehen, was mich noch mehr dazu veranlasste, einen Kaffee in der Herbstsonne zu trinken und dabei die vorübergehenden Passanten zu beobachten. Viel Zeit blieb mir allerdings nicht dafür.

Ich sah sie schon von weitem: Charlotte. Mit mehreren Tüten aus den wenigen Designer-Läden unseres Städtchens stöckelte sie mir strahlend entgegen.

„Meine Liebe, wie schön, dass ich dich hier treffe“, zwitscherte sie und ließ sich dabei elegant in den Korbsessel neben mir plumpsen.
„Ich war nur ein paar Kleinigkeiten besorgen und dachte daran, wie gut doch jetzt ein Espresso wäre.“

„Schön dich zu sehen, Charlotte“, log ich und betrachtete sie unauffällig aus den Augenwinkeln. Die perfekt durchtrainierte Konfektionsgröße 36 steckte in einem eleganten Hosenanzug, an dessen unteren Ende zart pedikürte Füße in Pumps mit nahezu schwindelerregenden Absätzen steckten. Am oberen Ende des Anzugs lugte ein – sicherlich von einer Visagistin – perfekt geschminktes engelhaftes Gesicht, umrahmt von hellbraunen Locken, hervor.
Diese Frau hatte scheinbar alles. Sie strotzte vor Gesundheit, war – soweit ich wusste – glücklich mit ihrem Matthias seit vielen Jahren verheiratet, der in der Firma ihres Vaters ordentlich Karriere gemacht hatte. Ich seufzte. Der Tag hätte so schön sein können.

„Ach, meine Liebe, wie ungewöhnlich, dich um diese Uhrzeit hier zu treffen.“

„Ich habe Urlaub“, gab ich eine Spur verärgert von mir.

„Oh, wie schön. Und wie geht es deinem Mann?“

„Danke, gut.“

„Ach weißt du, ich beneide dich manchmal wirklich.“

Hatte ich mich verhört? Mich? Eine rheumatische Teilzeitangestellte, mit ein paar Pfunden zu viel für Größe 36 (ja, ja auch 38), unsportlich und mit einem obendrein noch zu pflegenden Ehemann?

„Warum? Weil ich Urlaub habe?“ fragte ich daher mit einem Hauch Provokation in der Stimme. Schließlich hatte die arme Charlotte nie Urlaub. Früher war sie von Beruf Tochter. Dann wurde sie zur Ehefrau befördert. Berufe ohne Urlaubsanspruch.

„Ach nein“, lachte sie. „Na ja, weißt du, du bist so … so … grundlegend.“

Grundlegend. Aha! War das jetzt gut oder schlecht? Ich überlegte noch, ob ich nun geschmeichelt oder beleidigt sein sollte, da plapperte sie schon weiter.

„Schau dich an. Du strahlst so eine Verlässlichkeit und Zufriedenheit aus, dass man dich einfach beneiden muss.“

Okey, ich konnte geschmeichelt sein. Entspannt lehnte ich mich zurück. Vielleicht war es ja doch nicht so schrecklich, hier mit Charlotte zu sitzen.

„Doch, doch, glaube mir, neben dir verblassen alle Versuche, das Beste aus sich herauszuholen. Ganz einfach, weil du so bist, wie du bist und das auch ausstrahlst.“

Ich schluckte:“ Charlotte? – Was … willst … du?“

„Einen Espresso.“

„Ich meine, was willst du von mir?“

„Ich? Von dir? Nichts. – Aber da du gerade fragst … Könntest du mich zur Werkstatt bringen? Ich muss dort noch mein Auto abholen.“

Also doch. Ganz ohne Gegenleistung bekommt man eben doch nicht einfach so solche Komplimente.

Lara’s Entdeckung

Entsetzt – oder nein – eher erstaunt hing ihr Blick auf dem Bildschirm des PC’s ihrer Freundin. Konnte das sein? Ein Foto von ihr in die virtuelle Welt hinausgeschossen, sichtbar für die ganze Welt? Auf irgendeiner Bloggerseite?
Das Foto war nur wenige Tage alt. Ihr Gesicht konnte man zwar nicht erkennen, aber ihre Körperhaltung, ihre Kleidung, ihre Frisur ließen für jemanden, der sie kannte, keine Zweifel offen.
Es musste vor drei Tagen gewesen sein, als sie am frühen Nachmittag feststellte, dass irgend ein Idiot ihr Fahrrad gestohlen hatte. Da musste sie gezwungenermaßen auf die S-Bahn zurückgreifen, um zum „Old Daddy’s“ zu fahren – die Kneipe, in der sie dreimal wöchentlich kellnerte.

„Ich habe nichts gemerkt … und gefragt hat mich auch niemand …“, flüsterte sie. Ihre Freundin legte hilflos den Arm um ihre Schulter, tröstende Worte wollten ihr einfach nicht einfallen.

„Dieser Text … wen interessiert, wie ich mich kleide? Mich selbst interessiert es doch auch nicht?“ Tränen liefen nun über ihr Gesicht.

„Wir leben in einer Großstadt. Wo ist nur diese vielgepriesene Toleranz?“

„Ich weiß es nicht, Lara. Manche Menschen sind so … “

„Mag sein. Aber darf jemand einfach so ein Foto von mir ins Netz stellen? Ist so etwas nicht verboten? … Was kann ich tun? … Soll ich überhaupt etwas tun?“