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Schattenspiele

Die dunkle Jahreszeit beginnt. Ich mag das. Die Zeit der Kerzen und Teelichter, die in mir so viel Behaglichkeit auslösen. Besonders reizvoll sind die tanzenden Schatten der kleinen Flammen, die, wenn man sie nur lange genug beobachtet, einen eigenen Rhythmus zu haben scheinen.

Ich beobachte Kater Tristan, wie er mit seinem eigenen Schatten spielt und versucht, ihn zu fangen. Er schafft es einfach nicht, über seinen eigenen Schatten zu springen. Tja, wer kann das schon? Etwas zu tun, was jemandes Wesen und Natur völlig widerspricht, ist einfach unmöglich. Oder?

Der menschliche Schatten ist nach altem Volksglauben das Symbol der Seele und der Mensch kann seine Natur, seinen Charakter, seine Überzeugung nicht verleugnen. Er kann also nicht über seinen eigenen Schatten springen.

Mittlerweile hat Kater Tristan aufgegeben. Es war ihm wohl zu mühsam. Nun bin ich an der Reihe. Er versteckt sich hinter dem Kamin. Doch das Licht strahlt ihn von hinten an, so dass er seinen Schatten vorauswirft. Er kündigt sich an. Gleich wird er um die Ecke schießen und kurz vor mir mit allen vieren in die Höhe springen. Ein großes Ereignis. Sein großes Ereignis. Nun ja, große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.

Aber in der Tat: Seine Sprünge sind wahrhaft grandios. Wir Menschen kommen an solch eine Sprungkraft nicht einmal annähernd heran. Damit kann das Tier mich weit übertreffen, mich in den Schatten stellen. Und wenn es eben um diese Sprünge geht, dann hat er die volle Aufmerksamkeit und ich stehe in seinem Schatten. In diesem Fall natürlich gerne. Sonst eher nicht.

So beobachte ich weiter die tanzenden kleinen Flammen und denke darüber nach, dass das Wörtchen Schatten in der Bedeutung „nur gedacht, schwach, kränklich, kümmerlich“ sich häufig in unserer Sprache wiederfindet. Sieht man aufgrund von Krankheit sehr schlecht aus, ist man nur noch ein Schatten seiner selbst.

Man führt vielleicht ein Schattendasein, lebt in einem Schattenreich oder der auf der Schattenseite. Und doch … Schatten gibt es nur im Paket mit Licht. Ohne Licht kein Schatten. Und umgekehrt: Ohne Schatten, kein Licht. Ohne Unglück, kein Glück. Ohne schlechte Zeiten, keine guten Zeiten.

Ich mache es einfach wie Kater Tristan. Ich spiele mit meinem Schatten und wenn ich genug von ihm habe, lasse ich ihn einfach links liegen … oder rechts … oder hinter mir …

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