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Und am Freitag sauf ich mir den Kragen zu …

Ich versuche stets, mich in Andersdenkende hineinzuversetzen. Das bin ich ihnen schuldig. Das gehört sich so. Nur so ist meiner Meinung nach ein friedliches, verständnisvolles Miteinander möglich. Meistens klappt’s auch. Und doch treffe ich immer wieder auf Leute, da kann ich mich auch noch so sehr anstrengen, ich schaffe es einfach nicht.

Neulich, an einem Ort irgendwo, wurde ich Zeugin eines Gesprächs, dem ich bereits nach kurzer Zeit nicht mehr folgen konnte. Es wurden Berechnungen angestellt, wie viel Liter alkoholischer Getränke pro Kopf an einem Abend getrunken wurden. Puh, bei den Mengen, die dort genannt wurden, schwindelte es mir. Aber ganz gewaltig. Da muss der eine oder andere nahezu einen komatösen Zustand erreicht haben. Jedem das Seine. Aber unbegreiflich ist für mich, wie ein erwachsener Mensch mit stolzgeschwellter Brust damit prahlen kann, wie viel Alkohol er in sich hinein geschüttet hat und wie „hackedicht“ er war. Selbst das Leiden nach dem Besäufnis wurde lautstark beschrieben. Hört es auch jeder? Kriegt es jeder mit? Boah, was für ein Kerl. Und doch war es mir nicht möglich, voller Hochachtung zu ihm aufzublicken. Nö, da habe ich eine andere Vorstellung von bewundernswerten Eigenschaften. Na ja, ich muss ja auch nicht alles verstehen. Wenn’s Spaß macht … bitteschön. Aber ohne mich.

In diesem Sinne sag‘ ich Prösterchen und genieße mit euch ein Gläschen was auch immer.

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Kölle Alaaf!

In Kölle am Ring
ben ich jeboore
ich han un dat litt mir im Sinn
ming Muttersproch noch nit verloore
un dat es jet wo ich stolz drop ben …

Ich bin, ob ich nun will oder nicht, ein Kölner Urgestein, mit kölschen Vorfahren, auf einem Rosenmontag geboren. Am Abend vor meiner Geburt weigerte sich meine Mutter strikt ins Krankenhaus gefahren zu werden – nicht bevor die Übertragung der Karnevalssitzung im Radio zu Ende sei. Einen Fernseher besaßen meine Eltern in meinem Geburtsjahr noch nicht.
Wahrscheinlich waren die ersten Wiegenlieder, die meine zarten Baby-Ohren aufnahmen, die von Willi Ostermann, begleitet von der Marschmusik diverser Funken. Eines meiner ersten Worte war Alaaf. So rutschte ich also aus dem Geburtskanal direkt in das närrische Treiben Kölns.

Hey Kölle, du ming Stadt am Ring
he wo ich jroß gewoode ben
du bes en Stadt mit Hätz und Siel
hey Kölle, du bes e Jeföhl.

Ja, groß geworden bin ich in meiner Stadt. Und die Karnevalszeit war immer mehr als nur Verkleiden für mich und (be-)trinken für die Erwachsenen um mich herum. Karneval war ein Lebensgefühl, eine Tradition, eine Demonstration von Zusammenhalt und Solidarität. In großen Gruppen gingen wir gemeinsam feiern. War jemand alleine unterwegs, wurde er mit aufgenommen.

Drink doch eine mit
stell dich nit esu an
du steihs he die janze Zick eröm
häste och kei Jeld
dat es janz ejal
drink doch mit und kümmer dich nit dröm.

Es wurde nicht nur einen ausgegeben, die mitgebrachten Frikadellchen und sonstige Leckereien wurden großzügig verteilt. Es wurde viel gesungen, geschunkelt, getanzt. Auf der Straße, selten in einer Kneipe. Ein großes Fest.
Nun, ein Jahr nach meiner Geburt wurde ich das erste Mal zum Rosenmontagszug mitgenommen. Ein Harlekin im Kinderwagen.
Und es folgten viele schöne Karnevalstage in den kommenden Jahren.

Och, wat wor dat fröher schön doch in Colonia …

Ich wurde älter, ging nicht mehr mit meinen Eltern, sondern mit meinen Freunden aus. Hier setzte bereits leise und fast unmerklich eine Veränderung ein. Einige machten ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol. Leider! Denn für meine – seit Jahren antrainierte Ausdauer, die man nur ohne oder ganz wenig Alkohol erreichen konnte – machten sie viel zu früh schlapp. Nun, wahrscheinlich hatten sie nie das traditionelle Feiern mit allen Facetten so gelernt wie ich.

Das alte und oftmals wunderschöne Kölner Liedgut kannte kaum noch jemand. Stattdessen wurde lauthals Olala, willst du eine Pizza gegrölt und dann zog die Karawane weiter.

Tja, und so wurde mein Karneval immer kleiner. Ich gehe schon ein paar Jahre nicht mehr aus. Zu anstrengend. Zu laut. Zu schnapslastig. Zu wenig kölsch (nicht zu verwechseln mit dem Getränk – denn das gibt es nicht zu wenig).

Aber ganz heimlich, still und leise wird Karneval die Wohnung mit ein paar Luftschlangen geschmückt, die rote Pappnase hervorgeholt und am Rosenmontag singe ich die kölschen Lieder.

Denn wenn dat Trömmelche jeiht, dann stommer all parat …

In diesem Sinne: KÖLLE ALAAF!

Teil I: „Wochenende“

Das Zittern wollte einfach nicht aufhören. Ihre Hände, unkontrolliert, unruhig.
Gestern noch war alles gut. Es war nett. Gesellig. Wein hatte sie getrunken. Drei oder vier Flaschen. Später am Abend gab es Cocktails. Gut hatte sie sich gefühlt. Sehr gut. Leicht und unbeschwert. Geliebt und beliebt. Genau so sollte ein Wochenende beginnen. Ein Freitagabend voller Entspannung. Ausgeglichen und zufrieden war sie nach Hause getorkelt, in ihr Bett gefallen und schnell in einen tiefen und traumlosen Schlaf getaucht.
Doch jetzt drohte ihr Kopf zu zerspringen. Dieses Pochen und Hämmern machte sie schier wahnsinnig. Kalter Schweiß hatte sich von ihrer Stirn rasend schnell über ihren Rücken, ihr Brustbein, über die Arme auf ihrer gesamten Haut entlang geschlichen.
Eine Welle Übelkeit erfasst ihren Körper. Gerade noch rechtzeitig schaffte sie es ins Badezimmer, wo sie sich erbrach. Ein Schwall weingetränkter Galle platschte auf die Fliesen vor dem Klo. Und dann, noch einmal pumpte ihr Magen zähflüssigen, säuerlichen Weinschleim die Speiseröhre hinauf.
Als es endlich vorbei war, blickte sie in blutunterlaufende Augen, schwarzgerändert, ihres Spiegelbildes. Warum nur hatte sie schon wieder so viel getrunken? Warum konnte sie nicht aufhören, kein Ende finden?
Sie brauchte etwas, um ihren Magen zu beruhigen. Auf wackligen Beinen tappte sie ins Wohnzimmer, öffnete den Barschrank. Ein Magenbitter wäre jetzt genau das Richtige. Doch – sie zuckte zusammen. Nichts. Sämtliche Flaschen waren weg. Nicht leer, sondern weg. Sie überlegte, konnte sich jedoch nicht erinnern, an nichts.
Fahrig begann sie ihre Suche: Unter der Spüle in der Küche, hinter dem Bügelbrett im Spind, im Wäscheschrank im Schlafzimmer, neben dem Mülleimer, wieder in der Küche. Sie suchte unkontrolliert, hektisch, nervös. Und ihre Nervosität wuchs, je öfter sie erfolglos war. Nichts! Hastig griff sie nach ihrem Mantel, zog ihn über das verschmutzte Nachthemd, schlüpfte in ihre Schuhe und schnappte sich ihr Portemonnaie und Haustürschlüssel. Die Tankstelle an der Ecke, war ihr einziger Gedanke.
„Na, Frau Behner. Brauchen Sie Nachschub?“
Sie wurde dunkelrot. Am liebsten wäre sie in einem riesigen Erdloch verschwunden. Sich in Luft auflösen, das wäre es. Sie war sich nicht sicher, ob der Tankstellen-Mensch einfach nur freundlich sein wollte, oder sich über die lustig machte.
„Eine Flasche Wodka und zwei Jägermeister … bitte,“ flüsterte sie. Während sich der Tankstellen-Mensch umdrehte, schob sie unbemerkt, ganz schnell, zwei kleine Fläschchen Schnaps, die so einladend an der Kasse standen, in ihre Manteltasche.
Das hast du verdient, dachte sie bitter, bezahlte und eilte nach Hause.

Fortsetzung folgt …