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Kölle Alaaf!

In Kölle am Ring
ben ich jeboore
ich han un dat litt mir im Sinn
ming Muttersproch noch nit verloore
un dat es jet wo ich stolz drop ben …

Ich bin, ob ich nun will oder nicht, ein Kölner Urgestein, mit kölschen Vorfahren, auf einem Rosenmontag geboren. Am Abend vor meiner Geburt weigerte sich meine Mutter strikt ins Krankenhaus gefahren zu werden – nicht bevor die Übertragung der Karnevalssitzung im Radio zu Ende sei. Einen Fernseher besaßen meine Eltern in meinem Geburtsjahr noch nicht.
Wahrscheinlich waren die ersten Wiegenlieder, die meine zarten Baby-Ohren aufnahmen, die von Willi Ostermann, begleitet von der Marschmusik diverser Funken. Eines meiner ersten Worte war Alaaf. So rutschte ich also aus dem Geburtskanal direkt in das närrische Treiben Kölns.

Hey Kölle, du ming Stadt am Ring
he wo ich jroß gewoode ben
du bes en Stadt mit Hätz und Siel
hey Kölle, du bes e Jeföhl.

Ja, groß geworden bin ich in meiner Stadt. Und die Karnevalszeit war immer mehr als nur Verkleiden für mich und (be-)trinken für die Erwachsenen um mich herum. Karneval war ein Lebensgefühl, eine Tradition, eine Demonstration von Zusammenhalt und Solidarität. In großen Gruppen gingen wir gemeinsam feiern. War jemand alleine unterwegs, wurde er mit aufgenommen.

Drink doch eine mit
stell dich nit esu an
du steihs he die janze Zick eröm
häste och kei Jeld
dat es janz ejal
drink doch mit und kümmer dich nit dröm.

Es wurde nicht nur einen ausgegeben, die mitgebrachten Frikadellchen und sonstige Leckereien wurden großzügig verteilt. Es wurde viel gesungen, geschunkelt, getanzt. Auf der Straße, selten in einer Kneipe. Ein großes Fest.
Nun, ein Jahr nach meiner Geburt wurde ich das erste Mal zum Rosenmontagszug mitgenommen. Ein Harlekin im Kinderwagen.
Und es folgten viele schöne Karnevalstage in den kommenden Jahren.

Och, wat wor dat fröher schön doch in Colonia …

Ich wurde älter, ging nicht mehr mit meinen Eltern, sondern mit meinen Freunden aus. Hier setzte bereits leise und fast unmerklich eine Veränderung ein. Einige machten ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol. Leider! Denn für meine – seit Jahren antrainierte Ausdauer, die man nur ohne oder ganz wenig Alkohol erreichen konnte – machten sie viel zu früh schlapp. Nun, wahrscheinlich hatten sie nie das traditionelle Feiern mit allen Facetten so gelernt wie ich.

Das alte und oftmals wunderschöne Kölner Liedgut kannte kaum noch jemand. Stattdessen wurde lauthals Olala, willst du eine Pizza gegrölt und dann zog die Karawane weiter.

Tja, und so wurde mein Karneval immer kleiner. Ich gehe schon ein paar Jahre nicht mehr aus. Zu anstrengend. Zu laut. Zu schnapslastig. Zu wenig kölsch (nicht zu verwechseln mit dem Getränk – denn das gibt es nicht zu wenig).

Aber ganz heimlich, still und leise wird Karneval die Wohnung mit ein paar Luftschlangen geschmückt, die rote Pappnase hervorgeholt und am Rosenmontag singe ich die kölschen Lieder.

Denn wenn dat Trömmelche jeiht, dann stommer all parat …

In diesem Sinne: KÖLLE ALAAF!

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Dorffest

Einmal im Jahr für einen Abend. Dann befreite sie sich von diesen Fesseln. Kramte den Schlüssel aus seinem Versteck, steckte ihn in das Schloss und legte die Ketten beiseite.
Einmal im Jahr für einen Abend. Den Alltag vergessen und den Rausch der Jugend wieder aufleben lassen. Tanzen und flirten auf dem Fest in ihrem Dorf vergangener Jahre. Es war schon lange nicht mehr ihr Dorf.
Doch einmal im Jahr für einen Abend lebte sie in ihrer Vergangenheit, ließ das aufregende Gefühl von Abenteuerlust und Unbesiegbarkeit wieder entflammen. Unerreichbar schön und begehrenswert, die Königin des Festes in dem Dorf ihrer Jugend.
Einmal im Jahr für einen Abend würde sie ihn wiedersehen. Der Held ihrer Mädchenträume, ihr Ritter auf dem weißen Pferd. Als galant würde sie seine Komplimente empfinden, in sich aufsaugen, fest in ihrem Herzen verankern.
Einmal im Jahr für einen Abend. Seit nunmehr 50 Jahren. Und die Schmetterlinge flatterten munterer denn je.

Der innere Wandel

Sie liebte es, älter zu werden. Reicher an Erfahrungen. Freier von inneren Zwängen. Mit jedem Tag ein wenig mehr.
Sie erinnerte sich an Momente der Verunsicherung, der Scham, des Unwissens. Peinlichkeiten.
Mit dem Strom schwimmen. Dazu gehören. Um fast jeden Preis.
Sie erinnerte sich, wie wichtig all das für sie gewesen war. Die Akzeptanz. Die Anerkennung. Sie hatte sich dem Diktat der Trends, der Gesellschaft unterworfen und sich dabei gefühlt, wie ein Ball auf fließendem Wasser.
Erinnerungen, die jedoch verblassten. Und diese Blässe erfreute sie.
Nein, heute waren ihre Kleider bunt und auffällig. Kleider, so selbstbewusst, wie sie selbst.
Heute sagte sie nein, wenn sie nein meinte. Zeigte Grenzen auf.
Heute machte sie ihrem Ärger Luft. Denn heute war sie älter, reicher, freier.
Sie hatte endlich zu sich selbst gefunden.

Wut

Er rammte jedem, der ihm entgegen kam, seinen rechten Ellbogen in die Rippen. All seine Kraft nahm er dafür zusammen. Und er fühlte sich sauwohl dabei. Stark. Überlegen. Unangreifbar.
Diejenigen, die seinen Ellbogen zu spüren bekamen, waren zu überrascht, um reagieren zu können Sie krümmten sich vor Schmerz, hielten sich entsetzt die Seite und hofften angstvoll darauf, dass es bei diesem einen Angriff blieb.
Je mehr Rippen er traf, desto aggressiver wurde er. Niemand würde ihn je wieder eine Memme nennen. Demütigen vor seinen Freunden. Erst recht nicht sein Vater, der eigentlich nicht sein Vater war. Nur irgend so ein dahergelaufener Penner. Der Stecher seiner Mutter.
Wieder ein kraftvoller Stoß seines Ellbogens. Wenn er nicht hinsah, wen er traf, war es leichter. Zu leicht. Die rasende Wut entlud sich. Neutral. Ohne Mitgefühl.
Noch einmal. Und noch einmal. Was machen nur all diese Penner auf der Straße? Ihr habt es nicht anders verdient. Seid genau wie er. Arschlöcher. Feiglinge. Drecksäue.
Plötzlich traf ihn etwas mitten ins Gesicht. Er schmeckte Blut. Er spuckte. Ein Schneidezahn in einer blutigen Spuckepfütze. Jemand hatte sich gewehrt. Endlich!
Er sank auf die Knie, betrachtete seinen Zahn. Dann fing er an zu weinen. Wie ein Kind. Wie ein Kind, das er war.

Jugenderinnerungen

Spätsommer 1982 – ich war 16 Jahre alt. Das Schuljahr hatte gerade begonnen. Allerdings gab es kaum einen Unterschied zu den Schuljahren davor: Wie immer sehnten wir uns nach dem Pausenhof und noch mehr nach dem Baggersee, der bei Sonnenschein bis in den späten Herbst ein begehrter Freizeittreffpunkt war. Endlich – das Klingelzeichen versprach die große Pause. Kaum waren wir einerseits betont cool, andererseits ziemlich albern (heute frage ich mich, wie das nur zusammenpassen sollte) auf dem Pausenhof versammelt, da sah ich ihn das erste Mal.
Lässig schlenderte er über den Schulhof in viel zu weiten Armeehosen, einem schwarzen Sweatshirt, den Rucksack nachlässig über die Schulter geworfen. In seinem linken Ohrläppchen glitzerte ein Ohrring und seine rotbraunen Haare leuchteten in der Herbstsonne. Seine spitzen Schuhe hätten auch als Waffe durchgehen können. Als er das Schultor hinter sich gelassen hatte, holte er ein Päckchen Tabak hervor und drehte sich gekonnt eine Zigarette. Und ich? Wie vom Donner gerührt stand ich da und starrte ihn an. Boah, was für ein Typ …
Ein hübsches dunkelhaariges Mädchen kam auf ihn zu und küsste ihn. Das durfte doch nicht wahr sein … ausgerechnet diese Hexe (nennen wir sie mal) Ulrike …
Eifersucht bohrte sich wie ein spitzer Dorn in meinen Bauch.
Am Nachmittag erzählte ich meiner Freundin, dass ich meinen zukünftigen Ehemann gesehen hätte. Na ja, besonders ernst nahm sie mich nicht. Ich meine mich erinnern zu können, dass sie mich sogar ein wenig auslachte. Doch das störte mich nicht, schließlich hatte sich bereits eine riesige rosa Wolke um mich herum gebildet.
Den Nachmittag verbrachten wir damit, uns eine romantische Liebesgeschichte auszudenken. Ich bekam die Hauptrolle – und auch der Junge, dessen Namen ich noch nicht kannte.

Tja, lang ist’s her. Heute kenne ich seinen Namen – und nicht nur seinen Namen 😉
Die erfundene Liebesgeschichte hat sich zwar nicht in jeder Hinsicht bewahrheitet, aber das Wichtigste und Schönste ist dennoch passiert: die Liebe.
Und heute? Heute feiern wir Hochzeitstag!