Wut

Er rammte jedem, der ihm entgegen kam, seinen rechten Ellbogen in die Rippen. All seine Kraft nahm er dafür zusammen. Und er fühlte sich sauwohl dabei. Stark. Überlegen. Unangreifbar.
Diejenigen, die seinen Ellbogen zu spüren bekamen, waren zu überrascht, um reagieren zu können Sie krümmten sich vor Schmerz, hielten sich entsetzt die Seite und hofften angstvoll darauf, dass es bei diesem einen Angriff blieb.
Je mehr Rippen er traf, desto aggressiver wurde er. Niemand würde ihn je wieder eine Memme nennen. Demütigen vor seinen Freunden. Erst recht nicht sein Vater, der eigentlich nicht sein Vater war. Nur irgend so ein dahergelaufener Penner. Der Stecher seiner Mutter.
Wieder ein kraftvoller Stoß seines Ellbogens. Wenn er nicht hinsah, wen er traf, war es leichter. Zu leicht. Die rasende Wut entlud sich. Neutral. Ohne Mitgefühl.
Noch einmal. Und noch einmal. Was machen nur all diese Penner auf der Straße? Ihr habt es nicht anders verdient. Seid genau wie er. Arschlöcher. Feiglinge. Drecksäue.
Plötzlich traf ihn etwas mitten ins Gesicht. Er schmeckte Blut. Er spuckte. Ein Schneidezahn in einer blutigen Spuckepfütze. Jemand hatte sich gewehrt. Endlich!
Er sank auf die Knie, betrachtete seinen Zahn. Dann fing er an zu weinen. Wie ein Kind. Wie ein Kind, das er war.

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16 Gedanken zu „Wut

    1. schreibtischgedanken Autor

      Du kannst dich glücklich schätzen, wenn dir diese Welt sehr fremd ist, liebe Petra. In diesen „harten“ Texten steckt immer ein kleines Stück von mir selbst, meines Umfeldes, von meiner Welt, von meinen Erlebnissen und Erfahrungen. Zwar fast bis zur Unkenntlichkeit verfremdet und doch: diese kleine Verbindung zur Realität ist da. Bei der „Wut“ ist so, dass ein Cousin meines Mannes mit einem Baseballschläger niedergeknüppelt wurde. Ich weiß nichts über den Täter, aber es beschäftigt mich, obwohl es schon zwei Jahre zurückliegt. Und über das, was mich beschäftigt, schreibe ich. Nicht als Tagebucheintrag, nicht realistisch, sondern ich verarbeite es oft in Geschichten. Hier veröffentliche ich lediglich Fragmente, die eigentlichen Geschichten sind länger. Aber nicht alles ist so hart. Es gibt auch nette Begebenheiten, über die schreibe – hoffe ich doch. Schließlich soll hier eine bunte Mischung zu finden sein 😉
      Sei lieb gegrüßt
      Iris

      Antwort
      1. Follygirl

        Ich hätte da lieber schreiben sollen das ist nicht MEHR meine Welt… ich hab da auch einiges, das war wirklich oft schlimm.. aber das liegt sehr lange zurück und ist nicht vergeßen.
        Irgendwie bin ich gerade in der Phase, wo ich am liebsten nur die schöne heile Welt hätte..
        Aber weiß schon, das wird ein Wunsch bleiben… leider.
        LG, Petra

        Antwort
  1. dorosgedankenduene

    Ich wundere mich auch, das sind so gar nicht die Texte die man von dir kennt. Natürlich kann nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen sein, aber erst diese Geschichten bis ins kleinste Detail vom Alkoholismus, jetzt diese, nein, ich glaube das ist nicht so meins, was ich gerne lesen würde.
    Sorry.
    LG Doro

    Antwort
    1. schreibtischgedanken Autor

      Es tut mir leid, liebe Doro, dass die letzten Texte dich nicht so angesprochen haben. Wie es zu solchen Texten kommt, habe ich gerade in meine Antwort auf Follygirls Kommentar geschrieben. Vor meiner längeren „Blog-Abwesenheit“ habe ich tatsächlich diese Textfragmente nicht eingestellt. Ich habe extra für den Blog geschrieben. Doch dann kam die Zeit, dass mich das nicht mehr zufrieden stellte, mir auch nichts mehr einfallen wollte. Und meine eigentlichen Geschichten, Erzählungen lagen brach. Das heißt jetzt nicht, dass all meine Geschichten so sind wie die letzten. Nein, ich schreibe auch nach wie vor kleine nette und lustige Anekdoten, die dann ebenfalls hier zu finden sein werden. Und natürlich auch über meine Gedanken und die kleinen Begebenheiten des Alltags. Aber eben nicht nur.
      Liebe Grüße zu dir
      Iris

      Antwort
  2. marijap1

    Gut beschrieben.
    Um so eine enorme Wut in sich aufgebaut zu haben, muss dieses Kind selbst sehr stark verletzt worden. Ein Hilfeschrei. Allerdings scheint es, als ob es noch nicht gelernt hat, dass seines Problem durch die Verletzung einen anderen nich gelöst wird.
    Liebe Grüße
    Marija

    Antwort
    1. schreibtischgedanken Autor

      Du hast vollkommen recht. Solch einer enormen Wut muss etwas wirklich schreckliches vorausgegangen sein. Der Junge muss noch viel lernen und durch eine harte Schule gehen, damit er in dieser Welt Fuß fassen kann.
      Ich danke dir für deine Worte.
      Liebe Grüße
      Iris

      Antwort
  3. minibares

    ich fürchte, so fangen sie an, die späteren Amokläufer.
    Jeden Fremden als Dummkopf, als Versager ansehen, so einfach kann das offensichtlich sein.
    Gott sei Dank musste ich solche Begegnungen noch nicht machen. Mögen wir davor verschont bleiben.
    Dein Taxt ist echt ne Wucht.

    Antwort
  4. Anna-Lena

    In vielen Jugendlichen steckt so ein Gewaltpotential. Da frage ich mich oft, was zu Hause schief gelaufen ist.

    Ich mag solche Texte sehr, denn das ist das Leben, das sind die Dinge, über die wir sprechen müssen, und wenn sie ein wenig Eigenerfahrung darin beinhalten, hilft das bei der eigenen Verarbeitung. Ich habe solche Texte auch, aber bisher unveröffentlicht.
    Alles, was wir schreiben, kann Leser ermutigen, genauer hinzusehen.
    Dein Alkoholikertext hat mich sehr berührt, er war sehr realistisch. Aus meinem weiteren Umfeld ist mir so etwas bekannt und du hast es gut auf den Punkt gebracht.

    Weiter so, liebe Iris.

    Das Leben hat nicht nur Sonnenseiten!

    LG Anna-Lena

    Antwort
    1. schreibtischgedanken Autor

      Liebe Anna-Lena,
      Ich dank dir für deine Worte. Das bedeutet mir sehr viel. Es ist mir einfach ein Bedürfnis alles, was mich irgendwie beschäftigt und berührt in meinen Texten auszudrücken. Natürlich macht es mir auch Spaß über die „netten“ Dinge zu schreiben, aber ich kann und will mich nicht mehr darauf beschränken. Da gehen mir irgendwann die Ideen aus. Die Texte hier bilden eine Ideensammlung für längere Geschichten und Erzählungen, an denen ich arbeite. Ja, du liest richtig: Ich schreibe an mehreren Geschichten gleichzeitig. Eine ziemlich konfuse Vorgehensweise, aber nur so bin ich in der Lage für mich zu entscheiden, ob diese oder jene Geschichte es wert ist, erzählt zu werden. Aber so ist das nun mal, irgendwann findet jeder seinen ganz individuellen Weg zu schreiben.
      Ganz herzliche Grüße
      Iris

      Antwort
      1. Anna-Lena

        Liebe Iris,

        ich verstehe dich sehr gut, denn ich mache es ähnlich.
        Nicht jede Geschichte ist gleich reif für die Veröffentlichung. Manche lasse ich auch erst mal sacken, bevor ich verfeinere, andere schreibe ich und sie sind fertig.
        Ich denke auch, man ist authentischer, die Gunst“ der Stunde zu nutzen und damit auch betroffener, egal, in welche Richtung es gerade geht.

        Ich wünsche dir eine gute Schaffensperiode.
        Herzlich,
        Anna-Lena

        Antwort
  5. Babsi

    liebe iris
    ohne jetzt deine kommentare vorher gelesen zu haben war mir schon klar, dass da viel eigene erfahrung spricht. das macht sehr nachdenklich und traurig und mir gefällt, wie du diese erlebnisse verarbeitest. wut ist eine sehr starke kraft, die viel zerstörung bringen kann.leider.
    glg babsi und danke, fürs (mit)teilen

    Antwort
    1. schreibtischgedanken Autor

      Liebe Babsi,
      mir fällt es oft leichter, Geschichten über Dinge zu schreiben, die mich beschäftigen. Und das sind hier die Ergebnisse. Na ja, eigentlich nur kleine Entwürfe, die ich zum Teil weiter ausbaue. Vielleicht gibt es ja doch irgendwann mal ein Buch von mir … 😉
      LG, Iris

      Antwort

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