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Schau in den Spiegel, wenn du dich traust …

ist der Titel meines neuen Buchs. Eine – wie ich nicht ohne Stolz sagen kann – gelungene Mischung aus Kurzgeschichten, Gedichten und kleinen Texten, die ich auch zum Teil hier auf den schreibtischgedanken veröffentlicht habe.

Der Klappentext: Das Leben bietet jeden Tag Situationen und Begebenheiten, aber auch persönliche Befindlichkeiten, die immer wieder aufs Neue zum Nachdenken inspirieren. Wer oder was ist normal, wer oder was ist schön, hässlich oder gar abstoßend, wer oder was ist gut oder schlecht? Und, wer oder was bin ich? Auf der Suche nach Antworten entstand dieses Buch.

Neugierig geworden? Dann schaut doch mal hier:

BoD, Norderstedt
Paperback, 120 Seiten
Print: 8,90 Euro – ISBN 978-3-7386-4987-1
Ebook: 4,99 Euro

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Eine Weihnachtsgeschichte

Der Weihnachtsjunkie

Um zu wissen, dass die Adventszeit näher rückte, brauchte ich keinen Kalender, keine Sternkonstella­tion, keine Medien. Ich hatte Micha. Wenn ich an Micha denke, überkommt mich normalerweise eine tiefe Trau­rigkeit. Ich vermisse ihn. Immer noch. Doch wenn ich Micha mit Weihnachten in Verbin­dung bringe, bin ich einfach nur erleichtert.

Micha gehörte zu den Menschen, die man im Allge­mei­nen als Weihnachtsjunkies bezeichnet. Anfang Novem­ber wurde er zunehmend nervös. Fahrig strich er sich durch sein ohnehin schon struppiges Haar, wenn er un­ruhig auf seinem Stuhl, seinem Sofa, seinem Sessel um­herrutschte. Eine vorweih­nachtliche Besinnlichkeit wurde von ihm auf seine ganz eigene Art und Weise interpre­tiert. Die jährli­che Stromabrechnung, die uns in der Regel eine saf­tige Nachzahlung bescherte, war für ihn der nicht für jedermanns Ohren bestimmte Startschuss. Der Start­schuss in den Wettbewerb der Lichter zu treten.

Fünf Jahre ist es nun her und immer noch ist die Ad­vents- und Weihnachtszeit für mich eine Zeit des Schreckens. Michas nervöse Phase hielt bereits seit zwei Wochen an. Täglich stieg er in den Keller, sor­tierte die säuberlich gepackten und beschrifteten Kartons mit den verschiedensten Weihnachtsdekorationen. Akkurat wur­den Pläne erstellt, Lichterket­ten kontrolliert, defekte Lämpchen ausgetauscht, wiederum in Listen festgehalten. Die im Sommer neu erstandenen Dekorationsartikel, die in der Ga­rage zwischengelagert wurden, mussten nun in die Pläne integriert werden. Jede freie Minute verbrachte er mit dieser Aufgabe. Ich werde nie seine leuchten­den Augen und freudig erregt geröteten Wangen vergessen. Denn genau das war es, was mich ihm sein verhängnis­volles Hobby Jahr für Jahr verzeihen ließ.

Traditionell am Sonnabend vor dem ersten Advent wurde die Leiter am Haus platziert, der Gartentisch her­angerückt und die Pläne mit Steinen beschwert darauf ausgebreitet. Dann konnte es losgehen. Von oben nach unten. Auf dem Dachfirst prangte bald schon der lebens­große Rudolph aus geschmiedeten Eisen mit einer über­dimensional roten Glühbirnen-Nase, dem ein Geschirr aus Ketten angelegt wurde, damit der Schlitten mit dem darin sitzenden detail­getreuen Weihnachtsmann daran befestigt werden konnte. Micha hatte mir einmal voller Stolz erklärt, dass bei diesem Rentierschlitten samt Weihnachts­mann exakt 1678 kleine Lämpchen zum Einsatz kä­men. Warum ich mir gerade diese Zahl ge­merkt habe, kann ich nicht sagen. Doch der Clou war Ru­dolphs Nase. Die nämlich war an einen Lautspre­cher gekoppelt und jedes Mal, wenn sie rot auf­leuchtete, ertönte ein lautes und kraftvolles „HOHOHO“, dessen Klang durch die ganze Straße fegte. Micha war keines­wegs ein technisch begabter Mensch gewesen und ich frage mich heute noch, wie er diese Konstruktion zu­stande brachte. Ich kann mich lediglich daran erinnern, dass er über Wochen an dieser Idee tüftelte.

Auf der Regenrinne wurden Sternenlichter befestigt, die Fenster mit Lichterketten umrandet und auf je­der Fensterbank Schwibbögen arrangiert. Danach widmete sich Micha dem Garten.

Hier tummelten sich nach einigen Stunden Weih­nachtsel­fen, Rentiere, Schneemänner, die Tannen wurden zu Christbäumen – mit Kugeln und Lametta für den Außenbereich – und die Hecke erstrahlte im Lichtermeer. Der Weg bis zur Haustür wurde kon­trastreich mit roten Sternchen beleuchtet, um am Ende des Weges auf die äußerst hässliche Mutter der Kleinen – einen riesigen abwechselnd rot, blau und grün leuchtenden Stern – zu stoßen, der sich trotzig an der Haustür festklammerte.

Micha war fast zufrieden. Jetzt fehlten nur noch ein paar Kleinigkeiten, wie Mistelzweige und Schnee. Mistelzweige hatte er bereits kartonweise auf dem Wochenmarkt be­sorgt und für den fehlenden Schnee hatte er ein Jahr zu­vor eine Schneemaschine bei eBay ersteigert. Doch bevor er sich an die Rest­arbeiten machte, musste ein Probe­leuchten und – nicht zu vergessen – auch ein Probe-HOHOHO des auf dem Dach befindlichen Rudolph durchgeführt werden. Der große Moment stand bevor. Micha führte den Stecker an die Steckdose, zögerte einen kleinen Moment und dann erstrahlte unser Haus, Ru­dolph ließ sein HOHOHO erklingen und die Weih­nachtselfen im Garten winkten freundlich dazu.

Michas Augen glänzten vor Glück und er konnte nicht mehr aufhören zu grinsen.

„Ist es nicht toll?“ rief er begeistert. Eine Antwort er­wartete er nicht wirklich. Beseelt machte er sich an die Restarbeiten, die – wie ich aus Erfahrung wusste – noch bis spät in die Nacht andauern würden. Ich kümmerte mich nicht weiter darum. Sollte er doch seinen Spaß ha­ben. Ich wollte nur ins Bett.

Geraume Zeit später – ich hatte mich bereits ins Schlaf­zimmer zurückgezogen und es mir dort mit einem span­nenden Buch gemütlich gemacht – hörte ich noch einmal Rudolphs HOHOHO, danach ein dumpfes Plopp, ein Knacken und ein Ächzen und dann war Stille. Jetzt wird er gleich fertig sein, dachte ich mir, kuschelte mich in meine Decke, löschte das Licht und schlief alsbald ein.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war Michas Bett neben mir unberührt. Doch wirklich beunruhigt war ich nicht … Schließlich hatte ich den ewigen Lichtermarathon bereits seit einigen Jahren mitge­macht, so dass ich wusste, dass kleine Lampen in Weihnachtsbeleuchtungen gerne schnell das Zeitli­che segneten und natürlich sofort ausgetauscht wer­den mussten. Vielleicht hatte die Schneemaschine auch nicht genügend Schnee produziert oder aber Rudolphs Nase leuchtete nicht im Einklang mit dem HOHOHO des Weihnachtsmanns. Für Micha gab es viele Gründe, die Nacht lieber mit seiner Dekora­tion als mit seiner Frau zu verbringen. Schließlich musste ge­rade am ersten Advent alles perfekt sein.

Ich schlurfte in die Küche, kochte Kaffee und deckte den Frühstückstisch. Nachdem ich schließ­lich geduscht und angezogen war, machte ich mich auf die Suche nach Mi­cha. Als ich die Haustür öff­nete, stand ich vor einem riesigen Kunstschneeberg, auf dem gekonnt die Weih­nachtselfen Schlitten fuh­ren. Die schmiedeeisernen Rentiere gruben ihre Na­sen in den Kunstschnee, gerade so, als ob sie ver­bergen wollten, dass sie nicht Rudolph waren und keine leuchtendroten Nasen hatten. Doch wo war Micha?

Vorsichtig trat ich aus der Haustür und lugte um die Ecke. Dann sah ich ihn. Der Schreck fuhr mir durch alle Glieder. Anscheinend war doch irgendein Kabel, ein Ge­rät, ein elektrisches Deko-Teil defekt gewesen. Mir wurde flau als ich mich an dieses Plopp, dieses Knacken und Ächzen am Abend zuvor erinnerte. Micha lag merkwür­dig verdreht über der Leiter. Seine rechte Hand um­klammerte eine Lichterkette im Tannenbaum, die linke umfasste das Kabel der Schneemaschine.

Es war zu spät für den Notarzt. Zu spät für Micha. Aber zumindest hatte das Probeleuchten funktio­niert.

aus: Iris Boden – Das Leben ist ein Regenbogen – Kurzgeschichten

Wusstet Ihr schon … ?

Der Gabelstapler stapelt Gabeln,
der Zitronenfalter faltet Zitronen,
der Büstenhalter hält Büsten,
der Regenbogen regnet Bögen,
die Eifersucht sucht Eifer,
der Kopfhörer hört Köpfe,
der Kleiderschrank kleidet die Schranke,
die Meldestelle meldet Stellen,
der Zweifelsfall fällt Zweifel,
der Maskenball maskiert Bälle,
der Spießgeselle spießt Gesellen,
der Rettungsdienst rettet Dienste,
die Liegestütze stützt die Liege

tja, und der Abteilungsleiter leitet Abteilungen …

Generationen

Martha denkt nach. Über ihr Leben. Wie es bis heute verlaufen ist. Sie fühlt sich oft alleine. Ihre Gesundheit lässt keine großen Unternehmungen zu.
Sie sagt: „Du musst dich nicht um mich kümmern.“
Sie denkt: „Du besuchst mich so selten.“

Claudia denkt nach. Über ihr Leben. Wie es bis heute verlaufen ist. Sie fühlt sich oft überfordert. Ihr größter Feind ist ihr schlechtes Gewissen.
Sie sagt:“ Ich muss zur Arbeit.“
Sie denkt: „Wie soll ich das alles nur schaffen?“

Martha denkt nach. Früher war alles anders. Früher war alles besser. Die Kinder waren noch klein. Die Familie war stets zusammen.
Sie sagt: „Alt sein ist nicht schön.“
Sie denkt: „Nie hast du Zeit für mich.“

Claudia denkt nach. Eine Pflicht folgt der nächsten. Kümmern muss sie sich.
Sie sagt: „Ich werde mich anders organisieren.“
Sie denkt: „Ich muss mein Hobby einschränken … oder aufgeben.“

Martha fühlt sich nicht wohl. Sie sehnt sich nach Zuwendung. Will nicht immer erwachsen sein. Braucht Verständnis und Liebe.

Claudia fühlt sich nicht wohl. Sie sehnt sich nach mehr freier Zeit. Will nicht immer vernünftig sein. Braucht Verständnis und Liebe.

Bingo

Ein kleiner grüner Sonnenschirm schmückt ihren Rollator, den sie zufrieden lächelnd über die Straße schiebt. Nein, den Gehweg nutzt sie nicht. Zu abschüssig für sie und ihr Gefährt. Lieber zwingt sie die Nachbarn in ihrer Straße zum Schritttempo. Ihre stützbestrumpften Beine bewegen sich langsam Schritt für Schritt, wobei ihr buntgemustertes Kleid munter im Winde flattert. Fein hat sie sich gemacht! Kirschmundrot sind ihre Lippen, ihre Augen leuchten aufmerksam unter blauem Lidschatten.
Es ist Donnerstag. Bingo-Tag in der Seniorenresidenz. Und da ist sie auf jeden Fall dabei …

Eigenverantwortung

Sie fühlte sich stets verantwortlich. Für alles und jeden machte sie sich die zu tragende Verantwortung bewusst. Dieser Drang, etwas unternehmen zu müssen, zu handeln, zu reagieren, war immer gegenwärtig, immer vorhanden.

„Du kannst nicht die ganze Welt retten – nicht für alles die Verantwortung übernehmen“, sagte sie sich. Sagten auch andere. Viele andere. Und doch war es da. Dieses zwanghafte Empfinden. Es ließ sie nicht los.
Mit einem feinen Gespür übergab ihr Umfeld ihr den Vortritt. Man überließ ihr das Kümmern. Allein. Alleinverantwortlich. Und sie funktionierte. Wochen, Monate, Jahre.

Doch eines Tages im November, im Grau und Trübsinn dieses Monats, brach sie zusammen. Wie ein Luftballon, aus dem die Luft entweicht. Ein kurzes Aufbäumen, ein unkontrolliertes Flattern durch Raum und Zeit, ein in sich Zusammenfallen und erschlafftes Liegenbleiben.

Da bemerkte sie, dass sie etwas übersehen hatte: Die Verantwortung für sich selbst.

Der schwarze BH

Da hängt er an der Wäscheleine. Der schwarze BH. Einsam und verlassen, das einzige Wäschestück an der meterlangen Leine, die sich an der Trave entlang schlängelt. Bestaunt von Spaziergängern, die durch die Altstadt flanieren. Bewundert von Ausflüglern auf den Touristenbooten.

Es scheint ihm zu gefallen. Vergnügt flattert er im Wind. Tanzt um die Leine. Erhebt sich in die Luft. Dreht und wendet sich. Zeigt sich von allen Seiten. Genießt die Aufmerksamkeit. Dieser schwarze BH.