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Nostalgisches

Ich sage nicht, dass früher alles besser war. Also ehrlich, wer braucht heute noch Schulterpolster, Tonbandkassetten mit vorprogrammiertem Bandsalat, Telefone mit Drehwählscheibe, hinter dem man ein Endloskabel durch die Wohnung zog, während man telefonierte. Wie schrecklich war es an der Autotür das Knöpfchen zu drücken, die selbige dann zuzuwerfen, um danach mit Schrecken festzustellen, dass der Schlüssel noch im Zündschloss steckte? Wer mag heute schon noch orange-braun gemusterte Tapeten? Auf die Hitparade kann ich ebenso verzichten, wie auf Polyester-Pullover. Obwohl … Gibt es die nicht heute auch noch? Die Polyester-Pullover meine ich. Egal!

Manches war aber auch ganz nett. Fernsehansagerinnen zum Beispiel. Oder die Geschichten von Ute, Schnute, Kasimir in den Werbepausen. Der Tankwart, der herbeigeeilt kam, um das Auto zu betanken – weil es zum Service gehörte – und gleich die Windschutzscheibe reinigte. Ganz Eifrige prüften dann auch noch den Reifendruck. Tja, selbst Telefonhäuschen mochte ich. Und, dass man sich für diverse Anlässe fein machte. So richtig fein. Na ja, manchmal war es auch ziemlich unbequem. Aber fein! Was habe ich mich gefreut, als die gute alte A*hoi-Brause wieder reanimiert wurde. Eine ganze Maschinerie Erinnerungen ist da in Gang gesetzt worden. Toll!

Und nun weiß ich auch, was ich mir über kurz oder lang wieder anschaffen werde: Einen richtig tollen nostalgischen Wasserkessel. So einen mit Flötenaufsatz. Also, so einen Flötenkessel. Denn wenn der Pfiff des Kessels sagt, dass das Wasser kocht, das hat doch wirklich etwas ganz Nostalgisches, oder?!

Kölle Alaaf!

In Kölle am Ring
ben ich jeboore
ich han un dat litt mir im Sinn
ming Muttersproch noch nit verloore
un dat es jet wo ich stolz drop ben …

Ich bin, ob ich nun will oder nicht, ein Kölner Urgestein, mit kölschen Vorfahren, auf einem Rosenmontag geboren. Am Abend vor meiner Geburt weigerte sich meine Mutter strikt ins Krankenhaus gefahren zu werden – nicht bevor die Übertragung der Karnevalssitzung im Radio zu Ende sei. Einen Fernseher besaßen meine Eltern in meinem Geburtsjahr noch nicht.
Wahrscheinlich waren die ersten Wiegenlieder, die meine zarten Baby-Ohren aufnahmen, die von Willi Ostermann, begleitet von der Marschmusik diverser Funken. Eines meiner ersten Worte war Alaaf. So rutschte ich also aus dem Geburtskanal direkt in das närrische Treiben Kölns.

Hey Kölle, du ming Stadt am Ring
he wo ich jroß gewoode ben
du bes en Stadt mit Hätz und Siel
hey Kölle, du bes e Jeföhl.

Ja, groß geworden bin ich in meiner Stadt. Und die Karnevalszeit war immer mehr als nur Verkleiden für mich und (be-)trinken für die Erwachsenen um mich herum. Karneval war ein Lebensgefühl, eine Tradition, eine Demonstration von Zusammenhalt und Solidarität. In großen Gruppen gingen wir gemeinsam feiern. War jemand alleine unterwegs, wurde er mit aufgenommen.

Drink doch eine mit
stell dich nit esu an
du steihs he die janze Zick eröm
häste och kei Jeld
dat es janz ejal
drink doch mit und kümmer dich nit dröm.

Es wurde nicht nur einen ausgegeben, die mitgebrachten Frikadellchen und sonstige Leckereien wurden großzügig verteilt. Es wurde viel gesungen, geschunkelt, getanzt. Auf der Straße, selten in einer Kneipe. Ein großes Fest.
Nun, ein Jahr nach meiner Geburt wurde ich das erste Mal zum Rosenmontagszug mitgenommen. Ein Harlekin im Kinderwagen.
Und es folgten viele schöne Karnevalstage in den kommenden Jahren.

Och, wat wor dat fröher schön doch in Colonia …

Ich wurde älter, ging nicht mehr mit meinen Eltern, sondern mit meinen Freunden aus. Hier setzte bereits leise und fast unmerklich eine Veränderung ein. Einige machten ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol. Leider! Denn für meine – seit Jahren antrainierte Ausdauer, die man nur ohne oder ganz wenig Alkohol erreichen konnte – machten sie viel zu früh schlapp. Nun, wahrscheinlich hatten sie nie das traditionelle Feiern mit allen Facetten so gelernt wie ich.

Das alte und oftmals wunderschöne Kölner Liedgut kannte kaum noch jemand. Stattdessen wurde lauthals Olala, willst du eine Pizza gegrölt und dann zog die Karawane weiter.

Tja, und so wurde mein Karneval immer kleiner. Ich gehe schon ein paar Jahre nicht mehr aus. Zu anstrengend. Zu laut. Zu schnapslastig. Zu wenig kölsch (nicht zu verwechseln mit dem Getränk – denn das gibt es nicht zu wenig).

Aber ganz heimlich, still und leise wird Karneval die Wohnung mit ein paar Luftschlangen geschmückt, die rote Pappnase hervorgeholt und am Rosenmontag singe ich die kölschen Lieder.

Denn wenn dat Trömmelche jeiht, dann stommer all parat …

In diesem Sinne: KÖLLE ALAAF!

Sie ist da …

Ich erinnere mich an die Zeit, kurz nach der Diagnose. Eine Zeit voller Angst und Hilflosigkeit. Sie fuhr in Urlaub. Niemand wusste, wo sie war und für wie lange. Keine Erreichbarkeit.
Ich erinnere mich an die Zeit im Krankenhaus. Kurz vor seiner OP. Eine Zeit voller Anspannung und Ungewissheit. Sie war wiederum in Urlaub. Doch dieses Mal rief sie an. Muss ich kommen? war ihre Frage.
Ich erinnere mich an die Zeit auf der Intensivstation. Mein Vater begleitete mich, um seinem Schwiegersohn über die Wange zu streicheln.
Ich erinnere mich an die Zeit, als es ihm schlecht ging. „Bescherungen“ beseitigen – säubern. Nein, sie könne das nicht.
Ich erinnere mich an nicht eingehaltene Absprachen. Aber was galten Absprachen. Der Sohn verstand nichts (mehr) davon.
Ich erinnere mich an die Zeit der Strahlentherapie, in der sie einen Nachmittag die Fahrt zur Klinik übernehmen sollte. Sie nahm von ihrem Sohn Benzingeld für eine ganze Tankfüllung.
Ich erinnere mich an die Zeit, als sie endlich ihren Traum verwirklichte und auszog. 500 Kilometer weg von ihrem Sohn. Überschrieb ihm die Wohnung, ohne nichts unversucht zu lassen, ihn zu übervorteilen.
Ich erinnere mich an so viele Begebenheiten. Immer wenn sie hier ist und ihre Schwester besucht, werden sie lebendig.
Tja, und im Moment ist sie hier. Seit drei Tagen schon. Aber ihren Sohn hat sie noch nicht begrüßt.

Dorffest

Einmal im Jahr für einen Abend. Dann befreite sie sich von diesen Fesseln. Kramte den Schlüssel aus seinem Versteck, steckte ihn in das Schloss und legte die Ketten beiseite.
Einmal im Jahr für einen Abend. Den Alltag vergessen und den Rausch der Jugend wieder aufleben lassen. Tanzen und flirten auf dem Fest in ihrem Dorf vergangener Jahre. Es war schon lange nicht mehr ihr Dorf.
Doch einmal im Jahr für einen Abend lebte sie in ihrer Vergangenheit, ließ das aufregende Gefühl von Abenteuerlust und Unbesiegbarkeit wieder entflammen. Unerreichbar schön und begehrenswert, die Königin des Festes in dem Dorf ihrer Jugend.
Einmal im Jahr für einen Abend würde sie ihn wiedersehen. Der Held ihrer Mädchenträume, ihr Ritter auf dem weißen Pferd. Als galant würde sie seine Komplimente empfinden, in sich aufsaugen, fest in ihrem Herzen verankern.
Einmal im Jahr für einen Abend. Seit nunmehr 50 Jahren. Und die Schmetterlinge flatterten munterer denn je.

Rezidiv

Sie starrte auf das Blatt Papier in ihren Händen, das man ihr an der Anmeldung der radiologischen Praxis wortlos überreicht hatte. Rezidiv. Dieses kleine Wort stach hervor, schien einen größeren Schrifttyp zu haben, fettgedruckt, Großbuchstaben, rot. Und doch wusste sie, dass es nicht so war.
Nur 18 Monate nach der schweren OP, die aus ihrem Mann eine pflegebedürftige Person gemacht hatte, nun das. Wie sollte sie ihm diese Nachricht schonend beibringen?
Leise begann der Himmel zu weinen. Sie spürte es nicht. Regungslos stand sie vor der Praxis, starrte auf das Blatt Papier in ihren Händen, auf dieses kleine, große Wort, und ihre Tränen vermischten sich mit dem zarten Nieselregen.
Noch nie zuvor in ihrem Leben hatte sie sich so einsam, so verlassen, so verraten gefühlt.

OP gut überstanden! – Wirklich?

Dreieinhalb Monate nach der Diagnose hallte dieses Wort – Raumforderung – immer noch in ihrem Kopf, hatte sich dort festgebissen wie eine Zecke und nährte sich an ihren Gedanken.

Den ganzen Vormittag war sie in der Wohnung auf und ab gelaufen. Gegen Mittag, nachdem sie bereits zweimal in der Klinik angerufen hatte, hielt sie es nicht mehr aus. Warten konnte sie auch vor Ort.

14.15 Uhr. Der Linoleumboden zeigte in der Mitte des Ganges leichte Rissspuren. Sie kam auf 35 haarfeine Kratzer, die sich dunkler von dem Einheitsgrau absetzten. Es waren genau 27 Schritte zum Aufzug. Immer wieder lief sie diese 27 Schritte, bei jedem Dingdong, das den Halt auf der Etage der Station ankündigte. 27 Schritte hin, 27 Schritte wieder zurück, zu ihrem Stuhl, direkt vor dem geschlossenen Eingang der Intensivstation.

16.00 Uhr. Mittlerweile war Besuchszeit. Menschen kamen, baten um Einlass, um ihre Erkrankten zu besuchen. 35 Schritte bis zur Toilette. Eine Krankenschwester hatte Mitleid mit ihr. Brachte ihr eine Tasse Kaffee. Nein, sie hatte noch nichts gehört. Er war noch im OP.

17.45 Uhr. Sie zitterte am ganzen Körper. Schweißperlen auf der Stirn und im Nacken. Wieder 27 Schritte zum Aufzug. 27 Schritte zurück. An den Wänden medizinische Plakate. Schwarze Streifen von angestoßenen Betten. Nein, noch nichts gehört.

18.10 Uhr. Die nette Krankenschwester verkündete: OP beendet. Ihr Mann wird gleich nach oben gebracht. Übelkeit. Erleichterung. Sorge. Schwindel.

18.35 Uhr. Diesmal war es sein Dingdong. Das Bett rollte an ihr vorbei. Ein Kopfverband mit einem Blutfleck auf der Stirn. Die Augen geöffnet. Er sah sie an. Sah er sie wirklich an? Der Arzt kam auf sie zu. Sie hörte ihn und seine Erklärungen, über den Verlauf der OP, über die Tapferkeit ihres Mannes, über die Vorteile einer Wach-OP, über elf Stunden Operation, über den Ausfall der rechten Hand, über …
Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie entschuldigte sich. Der Arzt strich ihr über die Schulter. Hörte auf mit seinen Erklärungen. Alles in Ordnung. Die Anspannung. Alles ist gut. Alles wird gut.

Aber Ärzte sind keine Hellseher.

Raumforderung

Sie starrte auf den Bildschirm vor ihr. Mechanisch stützte sie ihre Hände hinter sich auf die Liege, auf der sie saß. Nur gut, dass sie saß. Ein Schwindel ergriff sie. Wie durch Watte drangen die Worte zu ihr durch.
Nur nicht ohnmächtig werden.
Der Arzt sprach ruhig und sachlich weiter. Aber sie verstand nicht den Sinn dieser Worte.
Raumforderung. Raumforderung. Raumforderung.
Immer wieder hallte dieses Wort in ihrem Innersten. Eine Raumforderung in seinem Kopf. Immer noch starrte sie regungslos auf den Bildschirm vor ihr.
5 x 5 x 4,5 cm, hörte sie den Arzt erklären.
Sie konnte es sehen. Den großen weißen Fleck in diesem Gebilde seines Gehirns. Warum nur?
Langsam drehte sie sich nach links, sah ihn an, den Mann mit einer Raumforderung. Den Mann, den sie liebte und staunte darüber, wie er den Arzt ruhig anlächelte und nickte. Verblüfft registrierte sie, wie er den Arm um sie legte und ein beruhigendes „Ist ok“ flüsterte.
Der Arzt verließ den Raum. Murmelte irgendeine eine Entschuldigung. Schweigend saßen sie nebeneinander. Arm in Arm. Auf der Liege, vor dem Bildschirm, in der Notaufnahme. Raumforderung.