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Ich brauche kein Halloween …

um mich zu gruseln. Ehrlich nicht. Aber es geschah an Halloween …

Tatzeit: 21.15 Uhr

Tatort: Die eigene Haustür.

Tathergang: Es klingelte Sturm. Hörte gar nicht mehr auf. Kater Tristan floh voller Panik ins Schlafzimmer unter das Bett (und war dort mindestens für die nächste Stunde verschwunden). Mein Schatz jammerte „Mein Kopf“ und hielt sich den selbigen. Es dauert halt, bis ich meine Hausschlappen unter dem Sessel hervorgefischt, hineingeschlüpft und zur Haustür geeilt bin. Wer in aller Welt klingelt um diese Uhrzeit Sturm? Brennt es? Hat die Nachbarin einen Herzinfarkt? Ein Unfall? Keineswegs …
Als ich die Haustür erreichte, hatte bereits der Sohn unserer Nachbarin geöffnet und eine erhitzte Diskussion war im Gange.

Was ich sah: Drei Kinder – schätzungsweise im Kindergartenalter. Bekleidet mit Jeans, Turnschuhen und Anorak. Also definitiv keine Monster. Weiterhin zwei Mütter in den frühen Zwanzigern. Bekleidet in Minirock, Anorak, Stiefel, blond gefärbt. Eher schon monstermäßig …

Was ich hörte: „Ey, du packst mein Kind nich an … is schließlich Halloween … biste doof oder was, wennste das nich weiß, ey …“

Der junge Mann – ein anständiger, lieber Kerl – war sichtlich überfordert. Erst recht, als Monstermutti ihn in der Form tätlich angriff, als sie ihn am Arm griff und schüttelte.

Ich (ziemlich laut und bestimmt): „Was ist hier los? Was soll die Sturmklingelei?“

Monstermutti: „Der hat mein Kind angepackt.“

Ich: „Ihr Kind gehört um diese Uhrzeit ins Bett.“

Monstermutti: „Ey, hörste nich gut, der hat mein Kind angepackt.“ (Übrigens ist das etwas, was ich überhaupt nicht glaube. Er hat wahrscheinlich nur den kleinen Scheißer von der Klingel weggejagt.)

Ich: “ Und Sie sollten Ihr Kind vernünftig erziehen und es nicht Sturm klingeln lassen.“

Monstermutti: „Scheiß Deutsche.“

Ich: „Verlassen Sie sofort unser Grundstück.“

Monstermutti: „Typ, ey, isch weiß wo du wohnst.“

Ich schnappte mir den jungen Mann, schob ihn ins Haus und schloss die Tür. Wir blieben noch eine Weile im Treppenhaus. Die Monstertruppe zog ab. Wohin auch immer. Aus der Nachbarschaft waren diese Leute auf jeden Fall nicht. Mir zitterten die Knie. Ich glaube, ihm auch.

Nee, Leute, wenn das Halloween ist – na, danke. Da lob‘ ich mir St. Martin. Da freu‘ ich mich, wenn die Kleinen singen kommen. Ich singe dann auch gerne mit …

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Der Fahrscheinautomat

Wie lange ich bereits hier stehe, dass weiß ich nicht. Fahrscheinautomaten haben kein Zeitgefühl. Aus diesem Grund muss die Uhrzeit, die auf die Fahrscheine gedruckt wird, immer wieder korrigiert werden. Uhrzeiten sind mir egal. Stehe ich doch zu jeder Tages- und Nachtzeit auf diesem gottverlassenen Bahnsteig. Viele Züge fahren hier nicht. Eine S-Bahnlinie und ein Regionalzug. Ansonsten irgendwelche Güterzüge, die eh nicht hier halten.

Menschen, die hier regelmäßig in eine S-Bahn oder in einen Zug steigen, beachten mich nicht. Ziemlich unhöflich, wie ich finde. Gerade sie sehen mich doch jeden Tag. Obwohl … sehen sie mich wirklich? Nun ja, ist ja auch egal. Diejenigen, die mich mit Geld füttern, erhalten von mir einen entsprechenden Fahrschein. Doch meistens stellen sich diese Leute ziemlich unbeholfen an. Dabei sage ich ihnen doch Schritt für Schritt, was sie tun müssen. Aber nein – sie drücken wild und ungeduldig an mir herum. Manche reden auch mit mir. Allerdings könnten sie das auch sein lassen. Ich werde doch meistens nur wüst beschimpft.

Vor den Nächten fürchte ich mich am meisten. Es ist schon mehr als einmal vorgekommen, dass man mir Böses wollte. Mit Brechstangen und sonstigen gefährlichen Werkzeugen ist man mir zu Leibe gerückt. Aufgeschlitzt haben sie mich, in meinen Eingeweiden herumgewühlt, um das Geld in meinem Innern zu stehlen. Oft blieben meine Verletzungen tagelang unbemerkt, bis dieser freundliche Mensch kam, um mich zu reparieren.
Da bin ich wahrlich kein Held. Sobald es dunkel wird, schließe ich meine Augen und hoffe auf eine ruhige Nacht.

Einmal musste ich einen Überfall erleben. Ich wollte Hilfe holen. Doch da wurde mir bewusst, dass ich mich nicht bewegen konnte. Regungslos stand ich da und konnte mich keinen Millimeter rühren. Hilflos musste ich mit ansehen, wie dieser junge Mensch von seinen Angreifern niedergeschlagen und ausgeraubt wurde. Nur gut, dass sie ihm nicht auch den Bauch aufgehebelt haben. Denn eines habe ich gelernt: Bei Menschen ist so eine Reparatur weitaus schwieriger als bei einem Fahrscheinautomaten.

Neulich hat ein Mensch die ganze Nacht zu meinen Füßen gelegen und seltsame Geräusche gemacht. Das war mir ein wenig unangenehm, aber irgendwie habe ich mich sicherer gefühlt. Nicht so allein. Und insgeheim hatte ich gehofft, dass er in der folgenden Nacht wiederkommen würde. Tat er aber nicht. Schade.

Nein, ich führe kein besonders schönes Leben, auch wenn das manch einer denkt. Ich beneide die Fahrscheinautomaten auf den großen Bahnhöfen. Die sind wenigstens nicht so alleine.

Aber ich bin in die Jahre gekommen. Es gibt bereits leistungsstärkere Automaten als mich. So kann ich darauf hoffen, dass ich bald abgelöst werde. Das wäre wirklich schön …

Kurz vorm Schuss

Bedächtig schraubte er den Schalldämpfer auf seine Baretta 92. Heute würde er ihn erwischen und sein Auftrag wäre damit erledigt. Sein 64. Auftrag. Die Geschäfte liefen gut in den letzten Jahren und er hatte sich einen Namen gemacht. Schnell, diskret, sauber. Das war sein Motto. Sein Bankkonto in der Schweiz und das in Luxemburg waren wohl Beweis genug dafür, dass er gut war. Richtig gut! Mit seinen 32 Jahren würde er sich bald zur Ruhe setzen können. Das Strandhaus auf Barbados war bereits eingerichtet und wartete nur darauf, dass er sich dort niederließ.

Leon atmete tief durch. Wenn er nur ein deutlicheres, schärferes Foto von seinem Auftraggeber bekommen hätte. Nun, trotzdem hatte er es geschafft. Einige Tage zuvor hatte er seinen Klienten – so nannte er für gewöhnlich seine Opfer – ausfindig gemacht. Und mittlerweile konnte er sicher sein, seine tägliche Routine zu kennen.

Ein leichtes Kribbeln durchströmte seinen Körper. Wie immer, wenn der Abschluss eines Geschäfts bevorstand. Diese Mischung aus Furch und Erregung … ob er dieses Gefühl jemals vermissen und ob ihm das Inselleben irgendwann überdrüssig würde?

Ungeduldig wischte er diesen Gedanken beiseite. Er hatte sich schließlich auf seine Auftrag zu konzentrieren.

Er schlenderte die Straße entlang, verlangsamte seinen Schritt, als er merkte, dass er zu früh vor dem Hauptportal des Technologiekonzerns erscheinen würde. Denn er würde erst gegen 17.00 Uhr das Gebäude verlassen und um 17.06 Uhr die Loge mit den Wachhabenden passieren. Nur ruhig. Langsam.

Leon hatte Übung. Die Baretta unter seinem Jackett verlieh ihm ein Gefühl von Größe und Macht. Langsam schritt er auf sein Ziel zu. Noch hundert Meter. 17.05 Uhr. Er war exakt in der Zeit. Achtzig Meter. Da erspähte er seinen Klienten, auf dem Weg zur Straße.

Leon lächelte. Alles lief perfekt. Sie würden genau aufeinander treffen. Ein Skater kam ihm entgegen. Fixierte ihn. Leon wunderte sich. Der Skater kam ihm bekannt vor. Und dann spürte er einen brennenden Schmerz in der Brust. Eine Falle, dachte er noch während seine Beine versagten. Und dann wurde es dunkel.

Wut

Er rammte jedem, der ihm entgegen kam, seinen rechten Ellbogen in die Rippen. All seine Kraft nahm er dafür zusammen. Und er fühlte sich sauwohl dabei. Stark. Überlegen. Unangreifbar.
Diejenigen, die seinen Ellbogen zu spüren bekamen, waren zu überrascht, um reagieren zu können Sie krümmten sich vor Schmerz, hielten sich entsetzt die Seite und hofften angstvoll darauf, dass es bei diesem einen Angriff blieb.
Je mehr Rippen er traf, desto aggressiver wurde er. Niemand würde ihn je wieder eine Memme nennen. Demütigen vor seinen Freunden. Erst recht nicht sein Vater, der eigentlich nicht sein Vater war. Nur irgend so ein dahergelaufener Penner. Der Stecher seiner Mutter.
Wieder ein kraftvoller Stoß seines Ellbogens. Wenn er nicht hinsah, wen er traf, war es leichter. Zu leicht. Die rasende Wut entlud sich. Neutral. Ohne Mitgefühl.
Noch einmal. Und noch einmal. Was machen nur all diese Penner auf der Straße? Ihr habt es nicht anders verdient. Seid genau wie er. Arschlöcher. Feiglinge. Drecksäue.
Plötzlich traf ihn etwas mitten ins Gesicht. Er schmeckte Blut. Er spuckte. Ein Schneidezahn in einer blutigen Spuckepfütze. Jemand hatte sich gewehrt. Endlich!
Er sank auf die Knie, betrachtete seinen Zahn. Dann fing er an zu weinen. Wie ein Kind. Wie ein Kind, das er war.