Der Fahrscheinautomat

Wie lange ich bereits hier stehe, dass weiß ich nicht. Fahrscheinautomaten haben kein Zeitgefühl. Aus diesem Grund muss die Uhrzeit, die auf die Fahrscheine gedruckt wird, immer wieder korrigiert werden. Uhrzeiten sind mir egal. Stehe ich doch zu jeder Tages- und Nachtzeit auf diesem gottverlassenen Bahnsteig. Viele Züge fahren hier nicht. Eine S-Bahnlinie und ein Regionalzug. Ansonsten irgendwelche Güterzüge, die eh nicht hier halten.

Menschen, die hier regelmäßig in eine S-Bahn oder in einen Zug steigen, beachten mich nicht. Ziemlich unhöflich, wie ich finde. Gerade sie sehen mich doch jeden Tag. Obwohl … sehen sie mich wirklich? Nun ja, ist ja auch egal. Diejenigen, die mich mit Geld füttern, erhalten von mir einen entsprechenden Fahrschein. Doch meistens stellen sich diese Leute ziemlich unbeholfen an. Dabei sage ich ihnen doch Schritt für Schritt, was sie tun müssen. Aber nein – sie drücken wild und ungeduldig an mir herum. Manche reden auch mit mir. Allerdings könnten sie das auch sein lassen. Ich werde doch meistens nur wüst beschimpft.

Vor den Nächten fürchte ich mich am meisten. Es ist schon mehr als einmal vorgekommen, dass man mir Böses wollte. Mit Brechstangen und sonstigen gefährlichen Werkzeugen ist man mir zu Leibe gerückt. Aufgeschlitzt haben sie mich, in meinen Eingeweiden herumgewühlt, um das Geld in meinem Innern zu stehlen. Oft blieben meine Verletzungen tagelang unbemerkt, bis dieser freundliche Mensch kam, um mich zu reparieren.
Da bin ich wahrlich kein Held. Sobald es dunkel wird, schließe ich meine Augen und hoffe auf eine ruhige Nacht.

Einmal musste ich einen Überfall erleben. Ich wollte Hilfe holen. Doch da wurde mir bewusst, dass ich mich nicht bewegen konnte. Regungslos stand ich da und konnte mich keinen Millimeter rühren. Hilflos musste ich mit ansehen, wie dieser junge Mensch von seinen Angreifern niedergeschlagen und ausgeraubt wurde. Nur gut, dass sie ihm nicht auch den Bauch aufgehebelt haben. Denn eines habe ich gelernt: Bei Menschen ist so eine Reparatur weitaus schwieriger als bei einem Fahrscheinautomaten.

Neulich hat ein Mensch die ganze Nacht zu meinen Füßen gelegen und seltsame Geräusche gemacht. Das war mir ein wenig unangenehm, aber irgendwie habe ich mich sicherer gefühlt. Nicht so allein. Und insgeheim hatte ich gehofft, dass er in der folgenden Nacht wiederkommen würde. Tat er aber nicht. Schade.

Nein, ich führe kein besonders schönes Leben, auch wenn das manch einer denkt. Ich beneide die Fahrscheinautomaten auf den großen Bahnhöfen. Die sind wenigstens nicht so alleine.

Aber ich bin in die Jahre gekommen. Es gibt bereits leistungsstärkere Automaten als mich. So kann ich darauf hoffen, dass ich bald abgelöst werde. Das wäre wirklich schön …

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14 Gedanken zu „Der Fahrscheinautomat

  1. Clara Himmelhoch

    Das ist ja wirklich herzig, sich in die Seele eines Fahrscheinautomaten hineinzuversetzen. – Ich glaube, die Kripo hätte es einfacher, wenn Gegenstände ihre Beobachtungen erzählen könnten. Deswegen wird ja in Berlin auf Bahnhöfen soviel gefilmt und diese Kameras an Stellen angebracht, wo sie schlecht zerstört werden können.

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    1. schreibtischgedanken Autor

      Ich finde es grundsätzlich spannend, wenn Gegenstände eine Seele hätten und ihre Geschichten erzählen würden. Und ja, wenn die Gegenstände ihre Beobachtungen erzählen könnten, dann hätte so mancher schlechte Mensch ein großes Problem.

      Antwort
    1. schreibtischgedanken Autor

      Ich weiß ja nicht, wie gut ihr euch kennt und ob streicheln keine Grenzen überschreitet. Ansonsten würde ein freundlicher Gruß wohl auch reichen. Aber laut und deutlich, bitte. So viel ich weiß, haben Automaten ein nicht allzu feines Gehör … das liegt an den fehlenden Ohren …

      Antwort
      1. Emily

        Doch, wir kennen uns schon ein paar Jahre, allerdings haben wir uns noch nie näher unterhalten… heute Morgen – es war kurz nach 7 – habe ich ihm zugelächelt. Morgen früh gehe ich weiter. Vielleicht tut es ihm (oder ihr) ja gut;o)

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        1. schreibtischgedanken Autor

          Ganz bestimmt tut es das … Ich habe einmal gehört, dass Parkautomaten besonders sensibel sind. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft? Wir dürfen wohl gespannt sein … 😉

  2. wally

    Wow, liebe Iris, sich so spezifisch in einen Fahrscheinautomaten hineindenken zu können und sein Innerstes so glaubhaft rüber zu bringen, spricht für ein sehr hohes Einfühlungsvermögen. Klasse geschrieben.
    … Ich hab hab mal versucht mich in die möglichen Gedanken einer Plastiktüte hineinzuverstzen und mir qualmte ordentlich der Kopf, als ich den Text fertig hatte, lach.

    Liebe Grüße,
    von Wally

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    1. schreibtischgedanken Autor

      Danke, liebe Wally, die Gedanken einer Plastiktüte … hm, das klingt auch ziemlich spannend. Vielleicht mache ich mir auch darüber einmal Gedanken. Allerdings habe ich mit Plastiktüten nicht so viel Kontakt 😉
      Liebe Grüße zu dir – Iris

      Antwort
  3. winnieswelt

    Wenn ich deinen Geschichten hier so lausche, dann bin ich froh, dass nicht nur ich so crazy Gedanken habe, … leider kann ich sie niemals so herrlich zu Papier bringen.

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  4. schreibtischgedanken Autor

    Du lauschst? Boah, und ich dachte immer, man könnte hier nur lesen … 😉
    Wie auch immer: Verrückte Geschichten sollten immer aufgeschrieben werden. Wer sagt denn, dass du es nicht kannst?

    Antwort

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