Neid

Ihre Nasolabialfalten waren stärker ausgeprägt als jemals zuvor. Ihr Mund verkniffener, die Lippen erschienen nur noch als schmale Striche in ihrem ohnehin schon verhärmten Gesicht. Die Augen blitzten böse und doch konnte man eine tiefe Traurigkeit darin erkennen. Graue, schlaffe Haut unterstrich diese Ausstrahlung tiefer Unzufriedenheit. All diese Veränderungen hatten genau vor sieben Monaten, drei Wochen und zwei Tagen begonnen. Denn da war SIE in ihr Leben getreten: Die neue Nachbarin.

Diese Frau war der Inbegriff der Vollkommenheit. Alles, sie hatte einfach alles. Trug es zur Schau, zeigte jedem sämtliche Unzulänglichkeiten auf. Was für ein Miststück!

Hilde seufzte. Gerade eben hatte sie sie durch den Türspion beobachten können. In einem traumhaften Cocktailkleid aus fliederfarbenem Chiffon, das perfekt ihre schlanke Figur unterstrich, den passenden Pumps an ihren grazilen Füßen mit schmalen, strassbesetzten Riemchen um ihre zarten Fesseln, war sie Richtung Aufzug getänzelt. An ihrer Seite ein Mann im Smoking … und was für ein Mann … George Clooney war nichts dagegen.
Dieses Bild brannte sich in ihren Kopf. Nie würde sie es wieder los werden.

Sie betrachtete sich im Spiegel. Das, was sie sah, ließ sie erschaudern. Eine Diät wäre nicht schlecht. Ein Friseurbesuch käme auch ganz gut. Vielleicht auch eine kosmetische Behandlung? Neue Klamotten. Doch dafür fehlte das Geld. Und seitdem Albert sie verlassen hatte, reichte es vorne und hinten nicht. Dieser Scheißkerl. Gab jetzt sein Geld für eine aus, die seine Tochter sein könnte.
Aber all das würde auch nicht so ein betörendes Lächeln auf ihr Gesicht zaubern. Warum konnte sie nicht so sein wie ihre Nachbarin? Das Leben war ungerecht. Warum nur hatten manche alles, und andere wiederum nichts?

Hilde atmete hörbar aus. Diese Frau musste weg. Aus ihren Augen. Aus der Wohnung neben ihr. Wenn sie es recht überlegte, war sie eine Schande für das ganze Haus. Sie musste etwas unternehmen. Nur was?

Sie schlüpfte in die rosafarbenen Plüschpuschen, schlurfte in die Küche und kochte sich einen Kaffee. Dann setzte sie sich an den Küchentisch und begann das Projekt „Nachbarin vergraulen“ detailliert zu planen.

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13 Gedanken zu „Neid

  1. Doro

    Dieses grässlich neidische Weib mit den rosa Plüschpuschen kann man sich richtig gut vorstellen und ich bin bei dieser Geschichte gespannt wie es weitergeht, was sie sich so einfallen läßt. 😉
    LG Doro

    Antwort
    1. schreibtischgedanken Autor

      Ich auch, liebe Doro. Aber es wird noch etwas dauern, bis sie ihren Plan entwickelt hat. Und vielleicht kommt ja auch noch etwas dazwischen? Ich weiß es nicht. Hilde ist eben sehr schwierig … 😉
      LG, Iris

      Antwort
  2. minibares

    Es gibt tatsächlich solche Frauen, da bin ich mir ziemlich sicher.
    Nur komisch, dass sie nur nach draußen schaut, nach der Neuen.
    Irgendwie unsinnig, ihr nicht zu gönnen, dass sie halt gut aussieht…

    Antwort
    1. schreibtischgedanken Autor

      Klar, ist das unsinnig und doch gibt es sie, die Neider, die einfach nicht gönnen können. Meiner Meinung nach gibt es sie ganz verstärkt in der Arbeitswelt, wo Erfolge schlecht geredet werden nur weil es nicht die eigenen Erfolge sind …

      Antwort
  3. Babsi

    liebe iris
    neid ist ein sehr gutes thema und ich denk, das kennt jeder von uns. und das ist ok…solangs natürlivh nicht zu so etwasführt 🙂
    bei dieser neidigen nachbarin scheint auch viel neugierde zu sein :-)))
    auch ich habe schon erfahren, dass es tatsächlivch menschen gibt, die auf mich neidisch sind, obwohl ich weder gut aussehe, noch es besonders leicht im leben hätte. manchesmal scheint der neid auch ein ablenken zu sein vor selbstwahrnehmung??
    glg babsi

    Antwort
      1. Babsi

        guten morgen liebe iris
        meine wortwahl war vielleicht nicht ganz korrekt aber anscheinend hast du eh verstanden, was ich meine *lach*
        einen schönen tag wünscht dir babsi

        Antwort
  4. Follygirl

    Hmmm–habs nun noch mal gelesen.. ich bin so froh… isch abe keine Nachbarn!

    Eigentlich ein schlimmer Gedanke, womit die Leute sind beschäftigen…
    Vielleicht wird ja noch alles gut und sie werden gute Freunde?… oder fallen beide tot um? …oder eine vergiftet die andere?.. oder die Hübscher steht zufällig beim Ausparken hinter dem Auto und ist dann platt?
    Oh.. ich sehe schon… ich sollte NICHT über Menschen nachdenken,,
    LG, Petra

    Antwort
  5. Anna-Lena

    Wie aus dem Leben gegriffen. ich kann mir nur zu gut vorstellen, dass es solche Situationen gibt. Da entwickelt sich scheinbar ein Plan mit krimineller Energie… 🙂 .
    Spannend geschrieben -bravo!

    LG Anna-Lena

    Antwort

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